Bewerbung als YouTube-Video?

Judith Steiner, TV-Journalistin aus Rapperswil-Jona am Zürichsee, sucht nach einer mehrmonatigen Asienreise eine neue Herausforderung in ihrem Beruf. Und tut das mit einer sehr aufwändig und professionell gemachten Bewerbung:

In mehreren Videosequenzen, die sie über eine Navigation raffiniert verknüpft, zeigt sie, was sie als Journalistin mitbringt und erklärt, in welchen Gefielden sie für ein (Medien-)Unternehmen einen echten Mehrwert bieten kann.

Ich habe in den vergangenen 11 Jahren, in denen ich als Berater und JobCoach tätig bin, mehrere 1000 Bewerbungen erhalten und geprüft. Und weiss, dass es hier wirklich “nichts gibt, was es nicht gibt”. Entsprechend skeptisch war ich, als ich bei Twitter von Judiths Bewerbungsvideo gelesen habe.


Meine Skepsis hat sich aber sehr schnell in echte Begeisterung verwandelt:

  • Videos mit intergrierter Navigation sind noch sehr ungewohnt. Deshalb erklärt Judith zu Beginn, wie man die einzelnen Sequenzen anwählen kann.
    Was ich als potenzieller Arbeitgeber daraus ableiten kann: sie kann sich in ihre Zuschauer hinein versetzen und beherrscht auch die technischen Elemente ihres Handwerks.
  • Die einzelnen Elemente der Bewerbung (“Journalistin”, “Produktionen”, “Referenzen”, “Support me” und “Job gesucht”) hat sie so gewählt, dass das “Publikum” schnell und einfach zur gewünschten Information kommt.
    Ergo: sie ist fähig, Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden zu können und es auf den Punkt zu bringen – die inhaltlichen Elemente ihres Handwerks.
  • Im (Teil-)Video “Job gesucht” erklärt sie, in welchen Funktionen (“… als Redaktorin, Produzentin oder VJ …”) sie ihre Kompetenzen (“Organisationstalent, mein selbstständiges Arbeite und mein kreatives Denken”) einbringen möchte.
    Das heisst: sie weiss, was sie kann und wo dieses Können gefragt ist.
  • Zwangsläufig zeigt sie sich im Video selbst und vermittelt so offen und direkt einen sehr persönlichen Eindruck (auch mit einer angemessenen Portion Humor: “Chnopf nonig gfunde? Er isch zmitzt im Bild integriert!”).

Ich bin wirklich begeistert: Judith Steiner präsentiert ihre Bewerbung professionell, ausgesprochen sympathisch und authenisch (ich kenne sie persönlich) – Chapeau!

Ein wichtiger Hinweis zum Schluss:
Ein Bewerbungsvideo ist für eine TV-Journalistin perfekt, weil sie so ihre Fachkompetenz hervorragend präsentieren kann. Aber nicht das richtige Medium für die Bewerbung als Maschineningenieur, Verkaufsleiterin, Buchhalter, Personalberaterin usw. (weil Videoproduktion hier eben nicht zur Kernkompetenz gehört und deshalb nicht das adäquate Mittel ist, um sich gezielt zu präsentieren).

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11 Antworten auf Bewerbung als YouTube-Video?

  1. Dass meine Videobewerbung auch professionell angeschaut so gut weg kommt, freut mich natürlich besonders. Vielen Dank für den Beitrag, Marcel.

  2. chlori sagt:

    Finde die Bewerbung auch sehr ansprechend, denn sie zeigt, dass die Berwerberin sich nicht einfach streng an das Buch “Bewerben für Dummies” hält, sondern auch eigene Ideen einbringt und Mut zeigt, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

    Ich ging selber schon ein paar Mal mit einer Bewerbungs-Website auf Jobsuche. Die Reaktionen darauf waren sehr positiv. Auch das ist vielleicht nicht für den Schreiner oder Käser die ideale Lösung, aber im technischen Bereich durchaus denkbar. Dazu fand ich folgendes wichtig:
    - muss unbedingt sehr druckerfreundlich sein
    - mindestens so einfach zu navigieren wie ein Stapel Papier
    - individuell (pro Arbeitgeber)
    - passwortgeschützt
    - was noch?

    Ich denke, dass man sich eine alternative Bewerbungsart erlauben kann, wenn sie zum Job passt und in keiner Weise der herkömmlichen Bewerbung unterlegen ist. Schlussendlich kommt es ja dann doch auf die Leserin der Bewerbung an, was sie davon hält… Einverstanden?

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  5. Frank sagt:

    Das dauert sicher nur kurze Zeit, bis da ein EU-Abgeordneter daherkommt und bemängelt, dass hier sichtbar Alter und Geschlecht dargestellt werden. Sowas müsste demzufolge also verboten werden.

  6. @Frank
    Was müsste verboten werden? Ein EU-Abgeordneter, der sich in der Schweiz wichtig machen will? Gute Idee!

  7. Jacqueline sagt:

    Ich bin per Zufall auf diesen Blog gestossen; die Idee, sich per Video(s) zu bewerben, finde ich sehr spannend. Aber wie ihr alles selbst bereits gesagt habt, es kommt auf den Beruf darauf an. Ob man sich als Lehrer auch per Video bewerben kann? Wahrscheinlich ist es nicht so geeignet wie als Journalistin, dennoch auch vorstellbar: warum nicht Videosequenzen aus dem eigenen Unterricht übermitteln, auch der Sprachgebrauch (im Falle einer Fremdsprache) käme so gut zum Einsatz und zum Vorschein.
    Dennoch beinhaltet der Lehrerberuf (wenn es sich nicht um Informatiker handelt) nicht primär die Videoprojektion und die Verlinkungen dazu, nicht zur Kernkompetenz gehören.
    Dennoch, auch Lehrer lernen stets dazu, warum sich also nicht auch vertiefte Informatikkenntnisse aneignen.

  8. Sam sagt:

    @Jaqueline – aber Video zeigt den Menschen, egal für welchen Beruf, viel “eindrücklicher” als eine Seite voll Text.

    Video als Medium würde ich als “der Weg” für Bewerbungen (ob für Firmen, Produkte oder eben Menschen) sehen. Wir müssen wegdenken von “man bewirbt sich mit Buchstaben, weil das bisher immer so war”. Der Grund, weshalb man sich mit Buchstaben beworben hat ist einfach: es gab bisher keine Alternativen.

    Meine Meinung ist (und das versuche ich in Social Media Workshops zu sagen): die neuen Online-Technologien machen jetzt erst Dinge möglich, die wir im normalen Leben längst kennen. Wir wissen längst, dass es besser hängen bleibt, wenn wir mit einem potentiellen Vermieter mal 1:1 reden können, als wenn wir nur das Interessensbekundungs-Formular einsenden. Das Gegenüber muss ein Bild von mir haben. Online-Video macht das jetzt (endlich) möglich.

    Ich erstelle ein Video, das meine Person mit Charakter (und ja, auch Geschlecht und Alter und Aussehen) zeigt – schlussendlich sind das wichtige Elemente für eine gute Zusammenarbeit im Team. Diplome sagen praktisch nichts aus (man kann höchstens davon ausgehen, dass die Person mit “Dr.” eher etwas eitel oder copy&paste-wütig ist).

    Eigentlich will doch beispielsweise ein Garagist ein Bild vom zukünftigen Automech haben – eine perfekt formulierte Bewerbung (oft von Freunden noch gegengelesen) bringt eher wenig, oder? Video entlastet den Automech vom schriftlichen Formulieren müssen – was nicht zentral ist für seinen Beruf.

  9. @ Sam:
    Ich bin nur sehr eingeschränkt Deiner Meinung (und darf mit min. 12 000 studierten Bewerbungen für mich eine gewisse Expertise beanspruchen):
    a) wenn Du 200 Bewerbungen auf dem Tisch hast bearbeiten musst, hat niemand Zeit, 200 Videos anzuschauen und wird daran scheitern, sich die darin enthaltenen Informationen zu merken (und anhand dieser auszusortieren)
    b) um sich im Lauf der Auswahl ein genauers «Bild» machen zu können («welche Sprachen spricht doch gleich nochmal der mit dem Oek-Studium?»), kommst Du nicht um Informationen in schriftlicher Form herum: in einem 2- bis 3-seitigen Lebenslauf findest Du die Angaben zig mal schneller als in einem 3-minütigen Video
    c) das Bearbeiten der Bewerbung (ich markiere, schreibe Fragezeichen an den Rand usw.) ist auf Papier am einfachsten und effizientesten.

    Ergo: Video kann (kann!) eine interessante Ergänzung sein und wird sicher immer mehr an Bedeutung gewinnen. Aber als einiger Informationsträger für eine Bewerbung eignet es sich nicht.

  10. Tim sagt:

    Ein wirklich interessantes/lustiges Mittel, um aus der Masse von Bewerbungen hervorzustechen!

  11. Pingback: INNOVATIVE BEWERBUNG VON JUDITH STEINER

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